
Sämtliches Bild und Textmaterial wird mit freundlicher Genehmigung der Random House Verlagsgruppe / cbj Kinder- und Jugendbücher verwendet.


Wer morgen Geburtstag hat – so könnte man meinen –, ist
heute schon in bester Stimmung. Aber auf Studienrat Bäumler
schien das nicht zuzutreffen. Ernst und kummervoll, als
müsse er eine Grabrede halten, kam er in die 9b.
Es war die fünfte Stunde. Gegenwartskunde stand auf dem
Programm. Ein Fach, das nicht jeder Schüler mochte. Aber
Bäumler konnte selbst den trockensten Stoff spannend gestalten.
Nicht zuletzt deshalb war er überaus beliebt.
Vor den Fenstern summten Bienen. Die Sonne tauchte den
Pausenhof in gleißendes Licht. Es war Ende Mai, kurz vor
den Pfingstferien.
»Was ich heute mit euch besprechen möchte«, sagte Bäumler,
»gehört eigentlich nicht zum Lehrplan.Aber leider gibt es
dafür einen traurigen Anlass.«
Er schob eine Hand in die Tasche, zog sie wieder heraus
und warf einen Blick auf die Innenfläche. Das sah aus, als benutzte
er einen Spickzettel. Einige Schüler grinsten, obwohl
sie wussten, dass Bäumlers Geste lediglich eine Angewohnheit
war.Wahrscheinlich diente sie gedanklicher Sammlung.

»Ihr alle«, fuhr er fort, »habt schon von Sekten gehört. Es
gibt heutzutage eine Vielzahl dieser – ich will sie mal nennen:
Ersatzreligionen. Die meisten Sekten sind gefährlich – sogar
lebensgefährlich. Ich erinnere nur an den fanatischen Sektengründer
Jim Jones, der sich Volkstempel-Prophet nannte
und im Dschungel von Guayana in Südamerika 914 Menschen
zum Massenselbstmord anstiftete. Das ist eine grausige,
unbegreifliche Tatsache und noch nicht lange her. Sicherlich
könnt ihr euch an die Presseberichte erinnern.«
Bäumler blickte umher. Jetzt grinste niemand mehr. Und
die ganz Schlauen wussten bereits, worauf er hinaus wollte.