Band 111: Millionencoup im Stadion

Band 111: Millionencoup im Stadion
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Gebundenes Buch · 192 Seiten · 12.2 x 18.8 cm
cbj
22. März 2010
€ 7,95 [D] | € 8,20 [A] | CHF 14,90 (UVP)
978-3-570-15132-7

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80%

Insgesamt sind 2 Rezensionen des TKKG-Site.de - Teams verfügbar. Die Durchschnittsbewertung beträgt 80%.

Rezensionenübersicht

Band 111 ist wie Band 1!

Eine Rezension von Hauke Preuß

„Millionencoup im Stadion“ ist Corinna Harders Einstand als TKKG-Buchautorin. Die Geschichte handelt von Produktpiraterie. Genau genommen um gefälschte Fußballtrikots. Kurz nachdem die Lagerhalle des größten Sportartikelgeschäfts der TKKG-Stadt abgebrannt ist, stolpert die TKKG-Bande über spottbillig an Mitschüler verkaufte Trikots, bei denen Tim einfach nicht glauben will, dass Originale ohne erkennbaren Grund so günstig verkauft werden. TKKG startet eigene Nachforschungen, um zu prüfen, ob in beiden Fällen alles mit rechten Dingen vonstattengegangen ist.

Dieses TKKG-Buch hat es mir angetan. Corinna Harder ist wirklich am Zahn der Zeit und schafft es, TKKG wieder aktuell klingen zu lassen. Sie besinnt sich auf viele Stärken der Serie zurück und zeigt deutlich, was TKKG ausgemacht hat: Zum Beispiel die mitunter lustige Interaktion der verschiedenen Charaktere, die sich zum Großteil aus abwechslungsreicher Ermittlungsarbeit ergibt.

Gleich der Beginn des Buches zeigt sich modern: Tim und Klößchen telefonieren lange locker-fröhlich übers Handy. Sie tauschen sich über die abgebrannte Lagerhalle des größten Sportbekleidungsgeschäfts der Millionenstadt aus. Früher hätte sich TKKG dafür getroffen. Bei Rolf Kalmuczak alias Stefan Wolf, dem Erfinder von TKKG, diente das Handy zuletzt als mobile Telefonzelle. Ein Mitglied der Bande reichte Tim zum Telefonieren das Handy. Bevor Handys Einzug in die Serie fanden, fuhren Karl, Klößchen oder Gaby zur nächsten Telefonzelle, um für Tim jemanden anzurufen. Corinna Harder bindet das Mobiltelefon so selbstverständlich ein, wie es heute jeder Jugendliche nutzt: Karl besitzt ein Smartphone, auf dem er sich Notizen macht (anstelle eines Notizblocks) und TKKG schauen sich auf eben diesem Gadget die neuesten Schnappschüsse an, was für einige Lacher beim Leser sorgt.

Dem kaum noch vorhandenen Einsatz von Telefonzellen wird ebenfalls Rechnung getragen: Ein alter Mann beklagt sich, dass Telefonzellen fast gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden sind, weshalb er erst nach Hause laufen musste, um die Polizei anrufen zu können.

Die Schule, das Internat, spielt in diesem Fall eine tragende Rolle. Dies hat zur Folge, dass auch die Unterrichtsmethoden zur Sprache kommen. Für Präsentationen der Schüler stehen Laptop, Beamer und eine Leinwand zur Verfügung. Absolut zeitgemäß!

In all diesen Änderungen äußert sich der Geist der Zeit, den ich zuletzt bei den Geschichten von Rolf Kalmuczak vermisst habe.

Die Rückbesinnung Corinna Harders bei der Charakterisierung von TKKG ist besonders stark bei Tim ausgeprägt: Tim denkt logisch und bleibt ihm gegenüber unfreundlichen Jugendlichen auf eine Weise höflich, die seine Widersacher provoziert. Ausschlaggebend ist hier – und war es schon früher – Tims Art sich in Gespräche einzumischen, die er zufällig mit angehört hat. Das macht er natürlich nur aus guten Gründen: Beispielsweise weist er auf Denk- oder Logikfehler hin, die einen der Gesprächspartner bloßstellen. Das mag bekanntlich niemand gerne und entsprechend witzig und spannungsgeladen fallen derartige Szenen aus.

Tim scheut keinen Konflikt. Dies führt bei Stefan Wolf oft zu handfesten Auseinandersetzungen. Frau Harder hingegen löst die Konflikte meist auf andere Art. Folglich kommt es seltenst zu körperlichen Auseinandersetzungen. Das Beste an dieser Situation ist die unveränderte Darstellung von Tim: Er meidet keinen Konflikt und kann zugleich seine Sportlichkeit immer wieder unter Beweis stellen. Dabei bleibt es bei realistischen Darstellungen, wie man sie sich bei einem Jugendlichen seines Alters vorstellen kann. Zugleich bleibt das Bild von Tim gewahrt, der theoretisch alles schaffen kann. Er ist kein Supersportler in allen Klassen. So hat er gegen echte Fußballprofis keine Chance, ist aber kein Weichei, der es nicht schafft, mit einem Gangster mitzuhalten und ihn einzuholen. Es ist eine wunderbar ausgewogene Darstellung, die genau zwischen den Extremen „Superman“ und „Ex-Hero, der nichts mehr auf dem Kasten hat“ wankt. Folglich ist Tim der sportliche Typ von nebenan, der sich in seiner Freizeit mit vielen Sportdisziplinen fit hält. Wie in der Kalmuczak-Ära liefert sich Tim Verfolgungsjagden mit seinem Rennrad und den autofahrenden Verdächtigen. Ist Tim zu Fuß unterwegs, wird wie früher genau beschrieben, dass sein Schuhwerk exorbitant vorteilhaft für die Verfolgung ist und mit welcher Sorgfalt er ausschreitet. Weiterhin äußert Tim Bemerkungen, die typische Klischees bedienen, wie beispielsweise den übermäßigen Parfumgebrauch junger Menschen.

Zurück zum Thema körperliche Auseinandersetzungen, denn ganz ohne geht es natürlich auch nicht: Tim hat einen kleinen Kampf, bei dem sich die Autorin auf die Anfänge von TKKG zurück besinnt. Sie beschreibt, wie Tim versucht sich dem Konflikt zu entziehen, obwohl er die Fertigkeit hätte, die Kampfhandlung gegen den Erwachsenen Gegner zu seinen Gunsten enden zu lassen. Es wird sehr schön geschildert, wie er Schläge (Karate) und Judo (sich fallen lassen, Würfe) mehr verteidigend als angreifend einsetzt. Dabei kommt jedoch ebenfalls zur Sprache, dass Tim der Kampf nicht unberührt lässt (wie es Usus geworden ist). Alles kommt viel natürlicher rüber – mit einigen Blessuren von Tim, die andere Personen stutzig werden lässt.

Ein typischer Teil einer jeden TKKG-Handlung zu Beginn der Serie war der stetig drohende Schulverweis Tarzans alias Tim. Diese Thematik gibt es hier in der Neuauflage: Statt des Zeichenlehrers Dr. Pauling gibt es nun den Physiklehrer Albert Einstein (eine ungünstige Benennung, denn Karls Vater, ebenfalls Physiker, heißt Albert Vierstein), der Tim schon mehrfach verwarnen musste und einige Male des Nachts erwischt hat. Daher ist Tim äußerst bedacht, rechtzeitig im Internat zu sein und dort möglichst unauffällig zu erscheinen.
Dem drohenden Schulverweis zum Trotz macht sich Tim des Nachts vom Acker. Dabei geht er wie im ersten Buch vor: Er öffnet ein Fenster im Flur und verwendet sein verstecktes Nylonseil zum Hinabgleiten. Im Gegensatz zum Band „Die Jagd nach den Millionendieben“ verwendet Corinna Harder weniger beschreibende Worte. Ihr genügen die wichtigsten Angaben und der Hinweis, dass es Tim vorkäme, als ob er schon über 100 Mal auf diese Weise dem Internat dem Rücken gekehrt habe.

Karl, der in vielen Hörspielen und Büchern wie ein Statist daherkommt, wird in diesem Buch viel Aufmerksamkeit gewidmet. Anstelle vieler Gangsterdialoge (in diesem Buch gibt es nur einen) wird das Leben der vier vom TKKG geschildert. Es ist schön, Karls typischen Umgang mit seiner Brille wie früher zu erleben. Es zeigen sich einmal mehr die den Geschichten vorangestellten Beschreibungen der TKKG-Mitglieder genannten Eigenschaften im Fall „Millionencoup im Stadion“.

Klößchen nascht für sein Leben gern Schokolade und dies hat schokoladenverschmierte Flächen im Adlernest zur Folge. Aber nicht nur Sauerlich Schokolade mampft Klößchen: Wegen seiner lieben Mutter ist er weiterhin dazu verdonnert vegetarisch zu speisen, wenn er bei seinen Eltern zu Besuch ist. Dabei wird seine Mutter liebevoller als jemals zuvor geschildert: Sie probiert neue Rezepte aus, in der Hoffnung, dass die Gerichte Klößchen munden. Die Gespräche zwischen Tim und Klößchen im Mittelteil des Buches erinnern stark an die „Comedyphase“ von TKKG, in der es die lustigsten Gespräche zwischen Tim und Klößchen gab. Denn genau das sind sie hier wiedermal: unterhaltsam und lustig.

Gaby kann als Tochter eines Polizisten natürlich nicht lange ihrem Vater die Ermittlungsarbeiten von TKKG verschweigen. Doch wie viel Zeit sie TKKG zum Lösen des Falles gibt, macht sie mit Tim aus.
Die Beziehung zwischen Tim und Gaby wurde sensibilisiert. Sie wirkt nicht mehr so selbstverständlich und unabänderlich. Wie in den Anfängen der Serie zeigt sich deutlich, dass beide die Nähe des anderen schätzen. Tim möchte beispielsweise mit Kommissar Glockner in persona sprechen und freut sich darüber doppelt, da er somit zugleich einen Grund hat, Gaby zu sehen.

Neben TKKG erhalten gleichermaßen andere Figuren eine Darstellungsform, die sie absolut realistisch erscheinen lässt. Kommissar Glockner, Gabys Vater, spielt in zwei Kapiteln eine tragende Rolle. Es ist unglaublich, wie natürlich die Fußballspieler Magnus und Steven herüberkommen. Lustig ist, wie Steven über Gabys Frisur und Kleidung lästert und ihr Tipps gibt, wie sie richtig gut aussehen würde. Selbst die Schurken wirken realer und für einige kann eine gewisse Sympathie empfunden werden. So ist es erfreulich zum Schluss zu erleben, wie sich einer der üblen Burschen bekehren lässt.

Einen extremen Unterschied zur früheren Darstellung von TKKG gibt es jedoch: Sie alle naschen, nicht nur Klößchen. Besonders überrascht Tims Verhalten: Er teilt Klößchens Leidenschaft für weiße Schokoküsse. Bei Rolf Kalmuczak waren es insbesondere Gaby und Tim, die ungern Süßes zu sich nahmen.

Ebenfalls untypisch ist der Schluss des Buches: Die Gangster sind überführt, was mit ihnen geschieht, wird aber nicht verraten. Rolf Kalmuczak schilderte in seinen letzten Sätzen immer die immens hohen Strafen der beteiligten Verbrecher, welche sie entweder vom Schicksal erhielten oder durch die Gerichtsbarkeit.

Der Einsatz der Sprache erinnert an die von Stefan Wolf. Die wörtliche Rede ist direkt so, wie reale Dialoge sind. Unverfälscht, ohne künstliches Aufpolieren der Sprache. Ein weiterer Hinweis dafür, dass Corinna Harder die Serie wirklich versteht und weiß, was typisch für sie ist. Dazu gehört die Fortsetzung der wörtlichen Rede durch den allwissenden Erzähler, der die tiefsten Gedankengänge der verschiedenen Personen preisgibt. Im Gegensatz zu Rolf Kalmuczak sind die Sätze von Corinna Harder sehr auf das Wesentliche fokussiert. Mir sagen beide Stilarten zu. Schön können die beiden Schreibarten anhand von Tims nächtlichen Abseilaktionen verglichen werden. Was zuletzt den Stil von Rolf Kalmuczak ausgemacht hat, kann u. a. meiner ersten Buchrezension (Band 103: „Hölle ohne Hintertür“) entnommen werden.

Früher gab es in nahezu jedem TKKG-Band Wissenswertes über das jeweils behandelte Thema. Zu Beginn der Serie übermittelte dieses Wissen zumeist Karl, eine wichtige Bezugsperson wie Kommissar Glockner oder andere Erwachsene. Im vorliegenden Werk ist es ähnlich: Bei TKKG werden Produktpiraterie und der Einfluss des Internets diskutiert: Gaby klärt über Fußballdresses auf und Karl über Nachtdufter (Blumen) oder das nächtliche Sehen. Ab und an erklärt ein Erwachsener etwas. Zum Beispiel was ein Zeugwart ist.

Mit der Serie TKKG versuchte der Originalautor stets pädagogische Werte zu vermitteln. Corinna Harder hebt dies hervor, indem sie die Bedeutung des Sports im Internat ausformuliert (Teamsportarten zur Förderung von Persönlichkeitsmerkmalen wie Zielstrebigkeit u. v. a.).

Rolf Kalmuczak verwendete seltenst dieselben Personen ein weiteres Mal. Die größte Ausnahme ist Inspektor Bienert, genannt Wespe, der Kommissar Glockner in seiner Funktion ablöste, da ein junger Spund näher an der Jugend zu sein scheint als ein väterlicher Freund. „Millionencoup im Stadion“ ist das dritte TKKG-Buch mit dem Thema Fußball. Die Autorin hat dies zum Anlass genommen, sich häufig auf André Kussmauls „Trainer unter Verdacht“ zu beziehen. Es gibt noch viele andere Rückbeziehungen auf bekannte Lokalitäten und Personen. Fast alle Namen der Internatsschüler sind bereits bekannt. Auch Volker Krause aus Band zwei „Der blinde Hellseher“ ist mit von der Partie. Der Nachname wird jedoch nicht genannt.

Beim Lesen des Buches haben sich - abgesehen von zwei orthografischen Fehlern – lediglich drei Kritikpunkte herauskristallisiert:

  • Der unglückliche Einsatz der Besenkammer. Die Autorin meint tatsächlich eine Besenkammer für Putzmittel und nicht die umfunktionierte, welche eine Telefonzelle beherbergt.
  • In der abgebrannten Lagerhalle des Sportartikelvertriebs ist von rostigen Eisenstäben vor einem Fenster von beträchtlichem Alter die Rede. Zu Beginn des Buches wird hingegen erzählt, dass die gesamte Lagerhalle erst vor einigen Jahren entstanden sei. Ein unglücklicher Widerspruch.
  • Die für Stefan Wolf typischen Worterklärungen in Klammern fehlen gänzlich. Widmete Rolf Kalmuczak nahezu jedem Wort eine Erklärung und erweiterte daher den Wortschatz des Lesenden über alle Maße, da er stets das gelesene gänzlich versteht, so ist dies hier nicht der Fall. Dabei gibt es bei diesem Fall durchaus einige Worte, die einer Erklärung bedurft hätten, da aus dem Kontext nicht zweifelsfrei die Bedeutung erschlossen werden kann. Ich musste doch ein paar Mal zum Duden oder Wikipedia greifen, um mir unbekannte Worte nachzuschlagen. Oder ist jedem bekannt, dass Nosferatu der Name einer Vampirspezies ist?


Fazit
Ein erstklassiges TKKG-Buch, das sowohl TKKG-Neulinge als auch alte TKKG-Fans begeistern dürfte. Es gibt unzählige Reminiszenzen an alte TKKG-Fälle. Alles erinnert vielmehr an die ersten 50 Bücher als an die Letzten. Nicht zuletzt, weil Tim wieder sein Rennrad anstelle des Mountainbikes fährt und sein Nylonseil anstelle der Strickleiter zum unerlaubten Entfernen vom Schulgelände nutzt. Die Serie ist mit diesem Buch wieder zu alter Stärke gelangt und dabei so nah am Zeitgeist wie schon viele Bücher zuvor nicht. Ohne ein Smartphone und lustigen Dialogen geht bei TKKG nichts mehr.

Score
95%
Verfasst am: 13.05.2010